100 Jahre
Steiner

«Ich habe immer gebaut, musste bauen, und wenn ich nochmals anfangen könnte, würde ich abermals bauen.»
Karl Steiner, Alleininhaber Steiner AG 1944 bis 1988

1915

1915–1928

Gott schütze das ehrbare Handwerk

In Europa tobt der 1. Weltkrieg, in der Schweiz mangelt es an Rohstoffen, Arbeitskräften, Essen. In diesen düsteren Zeiten gründet Carl Steiner 1915 eine Schreinerei. Im Keller des Schwiegervaters hobelt er sich die Hände wund. 13 Jahre später hat er fünf Angestellte und zwei Lehrlinge. Einer ist Sohn Karl.

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35 Jahre ist Carl Steiner alt, hat Frau, hat Kind, hat Träume. Seit Jahren steht er nun schon in fremden Diensten. Jetzt will er den Schritt in die Selbständigkeit wagen. Wäre da nur nicht dieser Krieg.

Die Chance gepackt
Steiner wohnt mit seiner Familie im Haus der Schwiegereltern an der Hönggerstrasse 92 in Zürich-Nord. Als er Anfang 1915 davon hört, dass eine Firma aus Deutschland einen Schreiner zum Polieren und Montieren von Telefonkästen suche, packt er die Gelegenheit: Aus einer Glühbirne, Kabelschnur und Kupferpfanne bastelt er einen Leimkocher und richtet im Keller seines Schwiegervaters eine Werkstatt ein. Von jetzt an schreinert er auf eigene Rechnung.
1917 werden in Zürich die Grundnahrungsmittel rationiert. In Russland kommen die Kommunisten an die Macht. Doch Steiner hat andere Sorgen: Er braucht mehr Platz. Und zieht erstmals um.

Mehr Maschinen, mehr Möglichkeiten
1918 ist der Krieg vorbei. Doch nun begehrt die Arbeiterschaft auf. Der Schweizer Generalstreik endet mit einer Machtdemonstration des Militärs. Wirtschaftlich geht es langsam aufwärts. 1920 muss Carl Steiner einen ersten Gehilfen anstellen und zieht abermals um: Von der Stadt Zürich mietet er drei Werkräume am Milchbuck. Endlich hat er genug Platz für die Mechanisierung der Schreinerei. Von Rauschenbach in Schaffhausen kauft er eine Dickhobelmaschine, eine Bandsäge mit Kehl- und Fräsvorrichtung sowie eine Scheibenschleifmaschine. Für die Seidenfabrik Zwicky schreinert Steiner einen Reklamekasten für 30'000 Seidenröllchen, für die Stadt Zürich Telefonkästen aus Nussbaumholz, daneben Särge, Möbel, Kirchbänke. Was die Produkte auszeichnet: die Qualität und die Präzision. Das Mass ist der Millimeter, nicht Zentimeter.

Schlafen in der Trockenkammer
Um Termine einzuhalten, arbeiten die Steiner-Schreiner wenn nötig bis spät in die Nacht, schlafen in der geheizten Trockenkammer, arbeiten früh morgens weiter. Arbeitnehmerschutz ist noch ein Fremdwort. Auch die beiden Söhne müssen neben der Schule mit anpacken.
1928 erhält Carl Steiner die Mietkündigung. Zu diesem Zeitpunkt hat Steiner fünf Angestellte und zwei Lehrlinge – darunter Sohn Karl. Und nun, wohin?

Der Unmut der Arbeiterbewegung mündet 1918 im Generalstreik, den das Schweizer Militär im Keim erstickt.

1929

1929–1943

Schreinern statt Streiken – Steiner wächst weiter

1929 erschüttert ein Börsencrash die Weltwirtschaft. Die politischen Kräfte radikalisieren sich. Auch Carl Steiner ist radikal, aber nur in seinem Qualitätsanspruch. Er schreinert, statt zu streiken. Als er sein Lebenswerk 1944 Sohn Karl vermacht, hat die Firma 50 Angestellte.

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Stacheldraht umgibt das frühere Lagerhaus für Säuren und Sprengstoffe an der Hofwiesenstrasse 226 in Zürich-Oerlikon. Der Backsteinbau hat keine Fenster, kein Licht, keine Heizung, kein Wasser – dafür ein Grundstück von 2300 m2. Und das ist der Punkt: Steiner braucht Platz für die Expansion.
Der Umzug nach Oerlikon fällt in den bitterkalten Winter 1928-29, in dem es in Zürich zu einer seltenen «Seegfrörni» kommt. Die Steiner-Schreiner brechen Türen und Fenster in die Fassade, heben eine Klärgrube aus, installieren eine Zentralheizung, elektrisches Licht und Starkstrom.

Streik? Nicht die Steinermänner!
1929 beendet Sohn Karl die Lehre in der Schreinerei und setzt seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule fort. 18 Jahre ist er jung – und zeigt schon Geschäftssinn. Er verkauft der Schule Holz für den Praxisunterricht und streicht die erste Marge ein. Im Oktober crasht die Börse an der Wall Street. Eine Wirtschaftskrise setzt ein. Die Arbeitslosigkeit steigt, die politische Radikalisierung nimmt zu. Hitler übernimmt 1933 in Deutschland die Macht. Carl Steiner erreichen die politischen Wogen ein Jahr später in Form eines zweimonatigen Schreinerstreiks in Zürich. 23 Arbeiter sind damals bei ihm angestellt. Keiner streikt. Um die Streikbrecher zur Arbeitsniederlegung aufzufordern, versammeln sich 250 Streikende vor der Schreinerei Steiner. Steine fliegen, ein Fenster geht zu Bruch, ein Schuss fällt. Die Polizei muss die Streikenden vertreiben.

Carl und Karl
1936 klettert die Arbeitslosigkeit in der Schweiz auf rekordhohe 124'000 Arbeitslose. Im gleichen Jahr lässt Carl Steiner seine Firma ins Handelsregister eintragen. Firmenzweck: «Mechanische Schreinerei, Fabrikation von Schul- und Ladenmobiliar, Möbeln, Innenausbau». Drei Jahre später übernimmt Sohn Karl die Bauleitung beim Innenausbau des neuen Kongresshauses. Erstmals stellt Steiner Subunternehmen für Installationsarbeiten und Bodenbeläge an – es keimt der Gedanke, später einmal ganze Hochbauten schlüsselfertig und mit Hilfe von Subunternehmen zu bauen.

Im Aktivdienst
Am 1. September 1939 bricht der 2. Weltkrieg aus. Auch in der Schweiz kommt es zur Generalmobilmachung. Karl Steiner übernimmt im Januar 1940 das Kommando der Füsilier Kompanie III/69. Sein Bataillonskommandant erinnert sich später: «Wo man Hauptmann Steiner hinstellte, man konnte sich darauf verlassen, dass er seine Pflicht restlos erfüllte, gemäss Befehl, ohne Befehl und notfalls sogar gegen den Befehl.» Steiner hätte die Militärkarriere gerne fortgesetzt. Doch in Zürich wartet ein Unternehmen auf ihn, das seinen Namen trägt.

Lagebesprechung. Hauptmann Steiner bedeutet das Militär viel – auch bei der Rekrutierung von Mitarbeitenden.

Vor den Augen General Guisans defiliert Hauptmann Steiner mit der Füsilier Kompanie III/69.

Karl Steiner war ein grosser Hodler-Sammler. «Studie zum Schreiner in der Werkstatt» (ca. 1897) ist heute noch in Familienbesitz.

1944

1944–1948

Raum für Visionen: Umzug ins Hagenholz

Viele schütteln den Kopf, als Steiner 1948 mit der Schreinerei ins Oerliker Hagenholz umzieht – auf Fuhrwerken, weil eine asphaltierte Strasse noch fehlt. Doch wer Grosses will, braucht Platz dafür. Innert Kürze verwandelt Steiner das Riet- und Ackerland in ein blühendes Industriegebiet: das Steiner-Stammareal.

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Am 1. Januar 1944 übernimmt Karl Steiner die väterliche Schreinerei mit fast 50 Angestellten. Ändern tut sich dadurch zunächst nichts. Steiner senior erscheint nach wie vor pünktlich jeden Morgen zur Arbeit. Was gut ist, denn Karl Steiner ist weiterhin oft im Militär. Als das Deutsche Reich am 6. Mai 1945 kapituliert, hat der Offizier Steiner über 1000 Tage in Uniform verbracht. Nun locken neue Abenteuer. Als Unternehmer.

Reissbretter für die US Army
Die Wirtschaft nimmt Fahrt auf. Karl Steiner ist wie sein Vater ein Qualitätsfanatiker. Doch mehr als sein Vater ist er auch ein herausragender Verkäufer. Im kriegszerstörten Deutschland sucht er – ohne Englisch zu können – Kontakt zur amerikanischen Besatzungsarmee. Mit Erfolg. Als er von der Dienstreise zurückkehrt, hat er einen Auftrag für 10'000 Reissbretter in der Tasche. Einziges Problem: Die US Army will die Lieferung bis 1. Oktober 1945. Wieder einmal gibt es Sonntagsarbeit bei Steiner, sogar die Frauen der Mitarbeiter packen mit an.
Für die Schreinerei erkennt Karl Steiner grosses Entwicklungspotential. Er will Kunden den kompletten Innenausbau anbieten können, alles aus einer Hand – von Fenstern und Türen bis zu Möbeln, Armaturen und Bodensystemen. Dafür braucht er noch mehr Maschinen, noch mehr Auslastung, noch mehr Platz. Er muss mehr riskieren.

Aufbruch ins Niemandsland
Seit 1928 ist die Schreinerei Steiner in Zürich-Oerlikon zu Hause. 1935 schuf die Stadt Zürich mit der Absenkung der Glatt die Voraussetzung für ein neues Entwicklungsgebiet ganz am Stadtrand. Dort, im Hagenholz, kauft Steiner kurz nach dem Krieg ein riesiges Stück Acker-, Riet- und Streuland. Viele schütteln den Kopf, denn das Areal ist weit weg vom Oerliker Industriegebiet südlich vom Bahnhof und noch weiter weg von den Kunden in der Stadt Zürich. Zudem ist es vollkommen unerschlossen – wo heute die Hagenholzstrasse entlangführt, fliesst noch der Leutschenbach. Doch Karl Steiner ist Optimist und weiss: Wenn er hier hinzieht, ziehen Andere nach. Und dann kommt der Asphalt von ganz alleine.
Im Herbst 1948 wird umgezogen. Ist die Arbeit an einer Maschine beendet, wird sie auf Fuhrwerken in die zwei Kilometer entfernte neue Schreinerei gekarrt – obwohl Schreinerei untertrieben ist: Steiner hat eine riesige Halle für Holzverarbeitung bauen lassen, inklusive Zuschneiderei, Reisserei, Furniererei, Spänesilo. Daneben: ein kleines Bürogebäude. 

Das waren noch Preise! Ein Kassabüchlein aus dem Jahr 1944.

1949

1949–1961

«Schaffe, schaffe, Häusle baue» – Steiner wird GU

Karl Steiner hat eine Vision: Statt dass Bauherren sich mit Architekten, Notaren, Schreinern oder Elektrikern rumschlagen müssen, will er ihnen schlüsselfertige Bauten liefern. Steiner will Generalunternehmer werden. Das ist neu in der Schweiz. Und der Beginn einer neuen Ära in der Firma Steiner.

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Karl Steiner erkennt die Bedürfnisse der Menschen. Coiffeur-Salons und Parfümerien entwickeln sich zu Symbolen des wirtschaftlichen Aufschwungs. In Basel akquiriert er ein auf Coiffeur-Einrichtungen spezialisiertes Unternehmen und wird zum Marktführer. Von Zürich bis Basel, Lugano und Genf richtet er Salons ein.

Supermarkt, Boom!
Noch rasanter wächst der Ladenbau. Vor allem ein Kunde fordert Steiner: die Migros. 1948 eröffnet sie in Zürich den ersten Selbstbedienungsladen der Schweiz. Mit durchschlagendem Erfolg. Bis 1966 wird die Migros 460 Filialen eröffnen – ausgerüstet mit den patentierten «Steka»-Regalen von Steiner. Gefertigt werden die Metall- und Zusatzartikel für den Ladenbau ab 1961 in Limbiate bei Mailand, wo Steiner seine erste Tochterfirma im Ausland gründet. Und er setzt eine Tradition fort: Bevor es in die Sommerferien ins Engadin geht, müssen seine beiden Söhne Peter und Ulrich für einen Stundenlohn von 2,40 Franken zwei Wochen in der Fabrik anpacken.


Der erste Hochbau
Steiners grösste Vision ist jedoch grösser als jeder Laden, den er einrichten kann: Er will Generalunternehmer werden und ganze Häuser bauen, so wie es Ernst Göhner in den 1930er-Jahren probiert hat und so wie es in den USA längst üblich ist. Bauherren sollen bei ihm schlüsselfertige Gebäude «bestellen» können. Zu garantierten Preisen und Terminen. Denn das kann Steiner: Koordinieren, Delegieren, Führen, Entscheiden. Im Militär hat er es bewiesen.
Noch während des Umzugs an die Hagenholzstrasse findet Steiner 1947 ein grosses Villengrundstück an der Talstrasse, unweit vom Zürcher Paradeplatz. Noch will niemand mit dem Neuling einen Werkvertrag abschliessen. Gemeinsam mit einem Partner kauft er das Land und bebaut es mit dem ersten Geschäftsgebäude. Es ist sofort ausgemietet und erhält gleich die Auszeichnung guter Bauten der Stadt Zürich.

Die ersten 18 Millionen
Mit Bankkrediten kauft und bebaut Steiner weitere Grundstücke in Zürich-Enge und Wollishofen. 1953 kann er alle vier Wohnsiedlungen für 18 Mio. Franken an einen Anlagefonds verkaufen. Mit dem Geld entwickelt und bebaut er in Zürich-Affoltern eine riesige Parzelle mit 600 Wohnungen. Die Erschliessungsstrasse lässt er «Schumacherweg» taufen – nach dem Namen seines Grossvaters mütterlicherseits.
Steinerbauten bestechen durch ein exzellentes Preis-Leistungs-Verhältnis, hervorragende Qualität und moderne Grundrisse. Seinen Aufstieg verdankt er aber auch dem Aufschwung der Nachkriegsjahre. Zwischen 1947 und 1970 verdoppelt sich im Kanton Zürich der Wohnungsbestand, nie zählt die Stadt mehr Einwohner als 1962: 445'000. Wie singt Ralf Bendix 1964 so schön in der Hitparade? «Schaffe, schaffe, Häusle baue».

Gute Nase: 1956 baut Steiner 600 Wohnungen in Zürich-Affoltern. Das Dorf wird bald zum Stadtquartier.

Auf einer Steiner-Baustelle in Luzern. Schutzhelme gibt es noch keine - sie werden erst 2000 zur Pflicht.

1962

1962–1966

Skandal in St. Moritz! Unterländer baut Hotel

Als Karl Steiner mit zerschlissenen Hosen die Corvigliabahn in St. Moritz betritt, wird er ausgelacht. Dafür baut er 1963 sein eigenes Hotel im Nobelort. Zum 50. Geburtstag publiziert die Steiner AG eine Studie zum Hochschulbau. Auch dafür erntet sie Gratulationen – von Professoren, Journalisten, einem Bundesrat. 

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Karl Steiner liebt das Engadin. Jeden Sommer verbringt er mit seiner Familie in Pontresina, von wo aus er mit seinen Söhnen ausgedehnte Hüttentouren unternimmt. Als er einmal mit Sohn Peter die Corviglia-Bahn in St. Moritz benutzt, spotten Gäste über seine geflickten Manchester-Hosen.

Arbeiter in St. Moritz
Wenig später baut Steiner in St. Moritz sein eigenes Hotel mit eigener Wohnung im obersten Stock. Kein Luxushotel – von denen gibt es genug –, sondern ein modernes Vier-Sterne-Haus in skandinavischem Design. Ein Hauch von Demokratie weht durch den mondänen Ferienort. Die alteingesessenen Hoteliers sehen das nicht so gern; die Aufnahme in die örtliche Hotelier-Vereinigung bleibt dem Crystal Hotel zunächst verwehrt. Die Gäste kommen trotzdem in Scharen, darunter regelmässig Steiners treuesten Angestellten. Ihnen schenkt der Patron jeweils zum 30-jährigen Firmenjubiläum einen dreiwöchigen Hotelurlaub für zwei Personen im Crystal. So flanieren immer wieder auch Schreiner, Hilfsarbeiter und Schlosser durch St. Moritz.

Zu tun wie noch nie
Daheim in Zürich vermeldet der Patron: «Wir haben zu tun wie noch nie.» Durch den Siegeszug des Automobils entwickelt sich das Leben auf dem Land zum Megatrend. Der Anteil Pendler an der erwerbstätigen Bevölkerung verdoppelt sich zwischen 1950 und 1970 auf 29 Prozent. Die Agglomeration wächst – allein in Effretikon baut Steiner 750 Wohnungen für 2500 Menschen. An der Dufourstrasse baut Steiner als Kuriosum das erste mechanische Parkhaus von Zürich.
Zudem erhält Steiner zwei Grossaufträge von der Schweizerischen Unfallversicherung Suva: für den Bau des neuen Verwaltungszentrums in Luzern und für den Bau eines Spitals in Bellikon. Als kurzfristig ein detailgetreues Modell des Spitals her muss, fragt Steiner bei externen Modellbauern an. In drei Monaten kann der schnellste liefern. Steiners Modellbauer und Schreiner machen es selber: 11 Tage später steht das Modell bei der Pressekonferenz.

Eine Studie fürs Volk
1965 feiert Steiner sein 50-Jahre-Jubiläum. Statt sich selber zu huldigen, beschenkt er die Öffentlichkeit mit einer 400-seitigen Studie zu den aktuellen «Problemen der Hochschulerweiterung». Darin zeigt Steiner vor allem die neuen Möglichkeiten des rationalen Bauens auf. Ein Stadtrat lobt, «welch grossen Dienst Sie mit Ihrer Jubiläumsausgabe Zürich und dem Hochschulwesen geleistet haben.» Ein Professor glaubt, «noch nie eine derart interessante, anregende und in manchem Sinn aufrüttelnde Schrift als Jubiläumsbuch gelesen zu haben.» Und einem Bundesrat scheint es, «dass noch kaum je eine Privatfirma eine derart gründliche und umfassende Untersuchung über ein sie nicht direkt betreffendes Thema veröffentlicht hat.» 

Zürichs Agglomeration wächst. Der «Vogelbuck» in Effretikon ist heute noch beliebt wegen der modernen Wohnungsgrundrisse.

Zum 50-Jahre-Jubiläum schenkt Steiner der Öffentlichkeit die wegweisende Studie «Probleme der Hochschulerweiterung».

Ein Kuriosum: In Zürich baut Steiner das erste mechanische Autoparkhaus der Schweiz.

1967

1967–1973

Balsberg, Boom, Rebellentum

Luxus, Exotik, ein Hauch Erotik – kein Schweizer Unternehmen ist in den 60er-Jahren so sexy wie die Swissair. Mit dem Bau ihres Hauptsitzes erklimmt Steiner die Spitze der Branche. Dazu passt, dass Steiner 1972 auch das höchste Gebäude in Zürich baut. Rekordhoch sind auch die Investitionen in der Baubranche – doch dann rattern die Gewehre im Nahen Osten.

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1967 ist ein glänzendes Jahr für Steiner. Der Bau des neuen Zentralverwaltungsgebäudes der Swissair – im Volksmund «Balsberg» – bedeutet einen enormen Imagegewinn. Einerseits, weil das Projekt von der Landbeschaffung und der verkehrstechnischen Erschliessung bis hin zur Abwicklung mit über 300 Subunternehmen äusserst anspruchsvoll war. Andererseits, weil das fertige Gebäude architektonisch überzeugt. Die Architektur erinnert an die amerikanische Moderne, verantwortlich für die Entwürfe ist jedoch Steiners eigene Architekturabteilung – damals die grösste in Zürich. Ohne grossspurig zu tönen, kann Karl Steiner 1968 seinen Mitarbeitern versichern: «Unsere Generalunternehmung ist heute eine der angesehensten der ganzen Schweiz.»

«Charakter eines Pioniers»
Doch plötzlich, inmitten der Hochkonjunktur rebelliert die Jugend. Erst in den USA, Paris und Berlin, dann auch beim «Globuskrawall» in Zürich. Der Firmenpatron ist irritiert. «Nie waren Hass und Unzufriedenheit tragende Fundamente für eine bessere Zukunft», schreibt er in seiner Hauszeitung.
Zur Einführung des Frauenstimmrechts 1971 äussert sich Karl Steiner nicht. Dafür feiert er seinen 60. Geburtstag – in aller Bescheidenheit auf seiner Jagdhütte. Die NZZ lässt den Patriarchen «mit dem Charakter eines Pioniers» hochleben.

Steiner baut am höchsten
Das Wachstum kennt kein Ende. In 20 Jahren klettert die Einwohnerzahl im Kanton Zürich von 777'000 (1950) auf 1’107000 (1970), das Realeinkommen steigt um 214 Prozent. Bei Steiner herrscht Hochbetrieb inklusive Samstagsarbeit. Steiner baut das höchste Gebäude Zürichs, das 85 Meter hohe Hotel International direkt beim Bahnhof Oerlikon, sowie 1973 den Hauptsitz von IBM am General-Guisan-Quai in Zürich.

Plötzlich Krise
Dann rattern im Nahen Osten die Gewehre. Weil die USA und der Westen im Jom-Kippur-Krieg Israel unterstützen, drosseln die arabischen Staaten die Ölproduktion. Der Ölpreis explodiert, die Ölkrise beginnt. Für die 205 Wohnungen der Überbauung Talacker in Uster findet Steiner keine Käufer.

Ausschnitt einer typischen Steiner-Bautafel - hier mit dem Bau des Hotels International (heute Swissôtel) im Hintergrund.

Der Polier überwacht das Zusammenschweissen der Armierungseisen. Insgesamt werden am Balsberg 305 Pfeiler betoniert.

Wegen der Ölkrise kommt es Ende 1973 auch in der Schweiz an drei Sonntagen zu einem Fahrverbot.

1974

1974–1978

Expansion in der Krise

Die Ölkrise trifft besonders die Schweizer Bauindustrie: 40 Prozent der Arbeitsplätze gehen verloren. Nur bei Steiner nicht: keine Entlassung, nicht mal Kurzarbeit. 1975 wird das neue Bürogebäude bezogen, 1978 die führende Renovationsfirma akquiriert. Nerven tun Karl Steiner die Panikmacher der Überfremdungsinitiative.

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Normalerweise widerspricht es den Grundsätzen Karl Steiners, sich gegenüber seinen Angestellten politisch zu äussern. Doch was ist schon normal in diesen verflixten Siebzigern, die als Hoch begannen, um geradewegs in die tiefste Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg zu schlittern? Und jetzt kommen auch noch diese Panikmacher der Überfremdungsinitiative und wollen eine halbe Millionen Ausländer aus der Schweiz jagen.

Nicht ohne unsere Ausländer
Wie soll das gehen? 170'000 Wohnungen würden auf einen Schlag leer stehen – eine Katastrophe für die Bauwirtschaft. Abgesehen davon, dass bei Steiner selbst rund 50 bewährte ausländische Angestellte ihre Koffer packen müssten. «Unsere Ausländer» lautet das Titelthema der Personalzeitung 1974. Steiner spricht den ausländischen Angestellten «sein vollstes Vertrauen aus» und warnt die übrige Belegschaft vor einer Annahme der Initiative, deren wirtschaftlichen Folgen auch für Steiner verheerend wären. 1974 geht die Initiative bachab, Steiner atmet auf.


Willkommen Unirenova
Ein Jahr später zieht Steiner ins neue Bürogebäude. Endlich mehr Platz! 3950 m2 genau genommen, doppelt so viel wie vorher. Das 20 Meter hohe, steinerblaue Gebäude ist ein Symbol des Aufstiegs der Steiner AG, den selbst die Krise nicht stoppen kann. Bei Steiner gibt’s nicht eine Entlassung, nicht einen Tag Kurzarbeit. 1976 übergibt Steiner die 455 Wohnungen der Grossüberbauung «Grünau» den mehrheitlich genossenschaftlichen Bauherren. Zwei Jahre später stärkt Steiner seine Abteilung Umbau und Renovationen durch den Kauf der Unirenova. Die ehemalige Tochterfirma des Küchenbau-Unternehmens Bruno Piatti ist spezialisiert auf Wohnungssanierungen. Steiner weiss, dass die Wohnüberbauungen aus der Nachkriegszeit langsam renovationsbedürftig werden und hat nun das Know-how, sie fachmännisch zu erneuern. 

Die 26. Etage des Hotels International (heute Swissôtel): Zürichs spektakulärstes Schwimmbad in den 70ern.

Hier baut Steiner für insgesamt vier Genossenschaften und 2600 Einwohner: die Grünau in Zürich-Altstetten.

Seit 1932 hat die FIFA ihren Sitz in Zürich, 1978 baut Steiner ihren neuen Hauptsitz.

1979

1979–1983

Sprung über den Röschtigraben

Aus der Wirtschaftskrise der 70er-Jahre geht Steiner gestärkt hervor. 1979 eröffnet die Generalunternehmung ihre erste Filiale in der Westschweiz – und baut gleich eine «Megastructure» am Quai du Seujet. Zu kämpfen hat Steiner mit der zunehmend baufeindlichen Stimmung im Lande. 

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Von Karl Steiner sagt man, er habe nur in Dinge investiert, die er auch wirklich verstanden hat. Und weil dies auf der rudimentärsten Ebene das Verstehen einer Sprache bedeutet, tut sich Steiner lange Zeit schwer mit einer Expansion in die Westschweiz – er spricht nämlich kein Französisch. Erst 1979 eröffnet Steiner in Genf die erste Filiale jenseits des Röschtigrabens. Wenig später beginnt das Generalunternehmen mit dem Bau der «Megastructure» Quai du Seujet, ein damals visionäres Projekt mit Büro- und Wohnräumen, direkt am Rhoneufer der Genfer Innenstadt. Hier wird auch Steiner 1984 einziehen.

Sparen mit Steiner
Derweil kommt es in Zürich zu einer seltenen Schlagzeile. Während von Überschreitungen der Kosten bei öffentlichen Bauprojekten oft die Rede, titelt die NZZ am 12. Februar 1980: «Kostenunterschreitung von 5 Millionen Franken». Die Rede ist vom neu eröffneten Sport- und Freizeitzentrum Schluefweg in Kloten. «Schuld» am 20-Prozent-Rabatt für die Stadt Kloten ist die Generalunternehmung Karl Steiner.

Steiner wird AG
Am 1. Januar 1980 wandelt sich die Einzelfirma Karl Steiner in eine Aktiengesellschaft mit 50 Mio. Aktienkapital. Ein kleiner Schritt fürs Unternehmen, ein grosser Schritt für Karl Steiner. «Jetzt bin ich mein eigener Angestellter», argwöhnt er. Notwendig war dieser formalrechtliche Schritt wegen der Grösse des Unternehmens und der Erbfolgeregelung.

Umzonen, bitte!
Karl Steiner ist nun 69 Jahre alt. Trotzdem bleibt der «Patriarch alter Schule» (Bilanz) zunächst alleiniger Verwaltungsrat seiner AG – erst 1984 gesellen sich Sohn Peter und ein Schwiegersohn dazu. Nach wie vor kommt er täglich um 6.30 Uhr ins Büro, nach wie vor zeigt er sich baupolitisch kämpferisch. Als die Migros 1980 nach 22 Jahren Planung endlich in Zürich Altstetten die Überbauung Neumarkt eröffnen kann, wettert der Generalunternehmer Steiner: «Bauen braucht Zeit, Bauvorbereitung eine Ewigkeit.» In der NZZ verlangt er öffentlich eine Vereinfachung der Baubewilligungsverfahren sowie eine Umzonung ehemaliger Industrieareale – eine visionäre Forderung, die 15 Jahre später mit der Öffnung des Entwicklungsgebiets Zürich-West Realität werden wird.

Steuerzahler haben gut lachen: Beim Bau des Schluefweg in Kloten spart Steiner 5 Mio. Franken ein!

Der elegante Erweiterungsbau für den Schweizerischen Bankverein (heute UBS). Architekt: Werner Gantenbein.

1984

1984–1989

«Zürich ist gebaut» – Steiner im politischen Gegenwind

Hochhäuser verboten, Baubewilligungen verweigert. Im Heimmarkt Zürich wird Bauen immer schwieriger für Steiner. 1988 stirbt Karl Steiner. Sohn Peter und Schwiegersohn Heinrich Baumann-Steiner übernehmen das Ruder. Ein Jahr später kündigt der Fall der Berliner Mauer ein neues Zeitalter an. 

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Keine Bauaufgabe erhitzt die Gemüter mehr als Hochhäuser. In guten Zeiten scheint die Akzeptanz gross, in schlechten mutieren sie zu Symbolen der Masslosigkeit. Bereits 1966 baute Steiner das erste Hochhaus: die 37 Meter hohe Wohnüberbauung am Bahnhof Zürich-Wollishofen. Sechs Jahre später – auf dem Höhepunkt des Baubooms – errichtete Steiner das höchste Gebäude Zürichs überhaupt: das Hotel International am Bahnhof Oerlikon.

Hoch hinaus trotz Baustopp
Doch die Krise der 70er-Jahre hinterlässt Bremsspuren im Fortschrittsglauben der Menschen. Das zeigt sich auch, als das Zürcher Stimmvolk 1984 einer Volkinitiative zustimmt, die den Bau von Hochhäusern in der Stadt Zürich verbietet. Im internationalen Genf hingegen entstehen weiterhin markante Hochhäuser an Toplagen – wie der von Steiner gebaute Firmensitz von Procter & Gamble.
Immerhin hat Steiner Glück im Unglück. Rechtzeitig hat man das Baugesuch für das Hochhaus an der Schanzenbrücke deponiert. So beginnen 1985 die Bauarbeiten am so genannten «letzten Hochhaus von Zürich». Es wird in einer komplizierten Deckelbauweise gebaut, gleichzeitig 22 Meter in die Tiefe und 50 Meter in die Höhe.

Jubeltag in neuen Hallen
Ein Jahr später nimmt Steiner am Hagenholz seine neuen Produktionshallen in Betrieb. Sie ermöglichen einen computergesteuerten Produktionsfluss im Fenster- und Fassadenbau, in der Schreinerei und Schlosserei. Doch bevor Bohr- und Fräsmaschinen einziehen, findet hier das Überraschungsfest zum 75. Geburtstag von Karl Steiner statt. Über den Jubilar dichtet ein Mitarbeiter: «Alli Tag ganz früe is Gschäft, biziite am Abig dänn is Näscht; im Jahr drei Mal nach St. Moritz, so bliib ich für Eu fit, Potz Blitz.»
Ebenfalls zum Geburtstag erscheint im Wirtschaftsmagazin «Bilanz» eines der seltenen Porträts über Karl Steiner. In diesem Artikel beklagt er sich: «In Zürich kann man einfach nicht mehr bauen.» Keine zwei Jahre später wird ihn die Zürcher Stadträtin Ursula Koch mit dem berühmt gewordenen Satz bestätigen: «Zürich ist gebaut.» Auch Steiners Grossprojekt «Utopark» verweigert sie 1988 die Baubewilligung.

Tod des Patriarchen
Diesen Rückschlag erlebt Karl Steiner nicht mehr. Am 12. April 1988 erliegt er einem Herzversagen – plötzlich und ohne Tage der Untätigkeit im Krankenbett. Typisch Karl Steiner. Er hinterlässt eine Witwe und vier Kinder. Sohn Peter und Tochter Esther Baumann-Steiner teilen sich die Firma, die operative Führung übernehmen Peter Steiner und sein Schwager Heinrich Baumann-Steiner.
Am 9. November 1989 fällt die Berliner Mauer. Ein neues Zeitalter bricht an. Mit neuen Herausforderungen und Chancen – auch für Steiner.

1984 zieht Karl Steiner Schwiegersohn Heinrich Baumann-Steiner und Sohn Peter Steiner in den Verwaltungsrat der Steiner AG.

Noch laufen Steiners industrielle Betriebe auf Hochtouren: hier die neue, 1986 eingeweihte Produktionshalle.

1990

1990–1998

Flucht nach vorn – Steiner expandiert ins Ausland

Die fetten Jahre sind vorbei. Der Konkurrenzdruck wächst, Steiners industriellen Betriebe schwächeln, eine Immobilienkrise kündigt sich an. In dieser Situation beschliesst das neue Führungsduo die Flucht nach vorn: Expansion ins Ausland.

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Mit dem Tod von Karl Steiner 1988 geht das Zeitalter der mächtigen Generalunternehmer zu Ende. Die Konkurrenz ist grösser, die Margen sind knapper, die Regeln strenger. Zudem lassen die niedrigen Zinsen nach dem Börsencrash 1987 die Gefahr einer Immobilienblase steigen. Als die Nationalbank 1990 den Geldhahn zudreht, kommt es zur Immobilienkrise. Die Bauausgaben sinken von 65 Milliarden Franken (1990) auf 45 Milliarden Franken (1997).

Wachstum durch Expansion
Die Steiner AG steht an einem Scheideweg. «Schrumpfung oder Wachstum» seien die Alternativen, schreiben Steiner und Baumann-Steiner in einem Editorial 1990. Sie entscheiden sich für Wachstum – nun aber im Ausland. In Deutschland kauft die Steiner AG von der berühmten Nixdorf Computer AG das auf den Bau von Rechenzentren spezialisierte Generalunternehmen Infratec und gründet Steiner Infratec. Damit wandelt sich Steiner 1990 zu einem internationalen Baukonzern mit Holdingstruktur. Zwei Jahre später sichert sich Steiner für 15 Mio. Dollar eine 22-Prozent-Beteiligung am traditionsreichen amerikanischen Totalunternehmen Turner Construction, wo Peter Steiner in den 70er-Jahren ein Praktikum absolvierte. Durch die Gründung des Joint-Ventures Turner Steiner International erhält Steiner Zugang zum boomenden Baumarkt im Mittleren Osten.

Grösste Baugrube Europas
In Berlin ragen da bereits 10 Kräne aus der grössten Baugrube Europas – Steiner Infratec baut die Friedrichstadt-Passagen. Auch die Unirenova eröffnet eine Filiale in Berlin. Nach Jahrzehnten der sozialistischen Misswirtschaft besteht Renovationsbedarf in den neuen Bundesländern. Mit der Gründung der Sogelym-Steiner SAS stärkt Steiner 1994 seine Präsenz im zweiten grossen Nachbarland der Schweiz, Frankreich.
In der Schweiz stagniert der Umsatz auf hohem Niveau. 1993 erwirtschaftet die Abteilung Umbau und Renovation einen Rekordumsatz, ein Jahr später beendet sie ihr spektakulärstes Projekt: das Hotel Widder im Herzen von Zürich – ein Luxushotel in mittelalterlichen Gemäuern. 1997 erhält Steiner den Auftrag, den damals grössten Bau der Eidgenossenschaft zu stemmen: die 3. Ausbauetappe der ETH Hönggerberg mit 80'000 m2 Gebäudefläche.

Zurück zum Kerngeschäft
Sorgenkind bleiben die industriellen Betriebe. Steiner muss Personal abbauen und verkauft 1998 die Fensterfabrikation und den Fassadenbau. Ebenso zieht sich Steiner schrittweise aus Deutschland und Italien zurück. Steiner will alle verfügbaren Mittel auf die Kernkompetenz als Total Service Contractor konzentrieren: die Betreuung von Immobilien über den gesamten Lebenszyklus. 

Mitte der 90er-Jahre baut Steiner mit der Tochterfirma Steiner Infratec Mitten in Berlin die Friedrichstadt-Passagen.

1999

1999–2008

Grösser, höher – schwieriger

Das neue Jahrtausend startet mit Superlativen. 2000 kratzt in Dubai das höchste je von Steiner mitentwickelte Gebäude die Wolken, vier Jahre später folgt der Spatenstich fürs grösste realisierte Bauwerk, Sihlcity. Als Steiner 2007 den Börsengang plant, bricht die Finanzkrise aus. Das Blatt wendet sich.

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Kurz vor der Jahrtausendwende spricht man plötzlich Schwedisch in der Chefetage von Steiner. Bis zu 30 externe Buchprüfer kopieren Festplatten, durchforsten Aktenordner, führen Interviews. Der schwedische Baukonzern Skanska strebt eine 70-prozentige Mehrheitsbeteiligung an der Karl Steiner AG an. Der Deal platzt in letzter Minute an der Lex Friedrich – Steiner führt Schweizer Immobilien im Portfolio, die Ausländer nicht erwerben dürfen. Damit ist die Nachfolgeregelung im Hause Steiner offener denn je. Nachdem Esther Baumann-Steiner Ihren Wunsch nach einem Ausstieg aus dem Familienunternehmen bekannt gibt, wird Peter Steiner Alleininhaber der Steiner AG.

Ein Wolkenkratzer in Dubai
Erfolgreich verläuft eine andere Übernahme: Die Turner Corporation geht 1999 für 370 Mio. Dollar an die deutsche Hochtief. Den Deal hat Peter Steiner am WEF eingefädelt. Im Zuge der Übernahme verkauft Steiner die Beteiligung an Turner und löst Turner Steiner International auf. Höhe- und Endpunkt des Joint-Ventures sind die 2000 eröffneten Emirates Towers in Dubai – mit einer Höhe von 355 Metern die höchsten Gebäude, die Steiner mitentwickelt hat.
Wirklich gross ist auch eine städtebauliche Vision, die in Zürich vor der Realisierung steht: Eurogate, eine rund 1,5 Milliarden teure Gleisüberbauung inklusive Wohnüberbauung am südwestlichen Gleisrand. Steiner hat die Führung in dem Projekt. Als Kapitalgeberin ist die UBS an Bord, und auch die SBB rückt zur Vertragsunterzeichnung an. Am Ende lassen das Feilschen um Parkplätze und eine unklare Haltung der SBB das Projekt scheitern.

Meisterleistung Sihlcity
Dafür entscheidet das Bundesgericht nach 13 Jahren Rechtsstreit mit der Stadt Zürich, dass Steiner den Bürokomplex «Utopark» bauen darf. Nur braucht jetzt niemand mehr Büros in Zürich-Süd. Mit Architekt Theo Hotz entwickelt Steiner eine neue Vision: Mit einem Investitionsvolumen von 600 Mio. Franken wird die «City in der City», das Einkaufs- und Erlebniszentrum Sihlcity zum erfolgreichsten Projekt, das Steiner je als Totalunternehmer entwickelt, gebaut und verkauft hat. 2004 ist Spatenstich, 2007 Eröffnung, 2013 Preisverleihung. Die Sihlcity erhält als Ironie der Geschichte von der Stadt Zürich die «Auszeichnung guter Bauten».

Die Spitze des Erfolgs
2006 gelingt Steiner ein Rekordumsatz von über 1,5 Milliarden Franken; der Personalbestand wächst zwischen 2001 und 2006 von 321 auf 532. Nach der börsennotierten Implenia ist Steiner nun das zweitgrösste Totalunternehmen der Schweiz. Mitte 2007 scheinen die Umstände gut für einen Börsengang. Genau da bricht in den USA die Subprime-Krise aus. Der Börsengang wird abgeblasen. Das Blatt wendet sich.

WEF 2000: Microsoft-Gründer Bill Gates und Peter Steiner im Gespräch. Über 20 Jahre war Peter Steiner Gast am WEF.

Turner Steiner International entwickelt diverse Projekte im Mittleren Osten – hier die Emirates Towers in Dubai.

2009

2009–2015

Steiner erhält neuen Hauptaktionär

2010 verkauft Peter Steiner die Aktienmehrheit der Steiner AG an die indische Hindustan Construction Company (HCC). Endlich hat er damit seine Nachfolge geregelt, HCC wiederum profitiert vom Zugang zu Steiners Know-how im Baumanagement. Es geht aufwärts – nicht nur mit dem Prime Tower, der 2011 Zürichs höchstes Gebäude wird. 

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Die Finanzkrise ist eine globale Krise. Sie trifft die Steiner AG in Zürich, sie trifft die Hindustan Construction Company (HCC) in Indien. Das Generalunternehmen hat in Indien die meisten Tunnel gebaut, 10 Prozent aller Nationalstrassen sowie zahlreiche Kraftwerke. Doch gerade Infrastrukturprojekte finden nun kaum noch Investoren. HCC will diversifizieren.

Wachstumsmarkt Indien 
Peter Steiner weiss von diesen Plänen. Seit über 20 Jahren kennt er Ajit Gulabchand, den VR-Präsidenten der HCC persönlich durch ihre gemeinsame Tätigkeit am World Economic Forum in Davos. Peter Steiner weiss auch, dass seine Firma HCC helfen könnte. Schliesslich ist Steiner in der Schweiz, was HCC in Indien noch werden will: ein führender Totalunternehmer für Hochbauten. Auf der anderen Seite sucht Peter Steiner immer noch einen starken Nachfolger.
Am 16. März 2010 erwirbt die HCC 66 Prozent der Steiner AG, die restlichen 34 Prozent folgen 2014. Im Gegenzug garantiert HCC den Fortbestand der Marke Steiner in der Schweiz und ermöglicht eine Expansion derselben nach Indien.


Erfolge unter neuer Führung
In den drei darauffolgenden Jahren steigen die Einnahmen der Steiner AG kontinuierlich, jedes Jahr ist profitabel. 2013 verpasst sich Steiner eine neue, farbenfrohe Corporate Identity sowie eine One-Brand-Stategie. Ende 2012 erfolgt die Gründung der Steiner India Ltd. Ein Grossauftrag kommt von der Muttergesellschaft HCC: das Baumanagement für das grösste Stadtentwicklungsprojekt Indiens, Lavasa. In den darauffolgenden Jahren akquiriert Steiner India weitere Grossaufträge für Wohnüberbauungen in Mumbai und Pune.

Wo alles begann
Doch zurück zum Anfang. Zurück nach Zürich-Oerlikon, wo Karl Steiner vor fast 70 Jahren wertloses Ackerland kaufte, um einen industriellen Betrieb aufzubauen. Schon 2001 hatte Steiner mit dem Verkauf der Karl Steiner Industrie AG die handwerkliche Tradition des Unternehmens endgültig aufgegeben. Damit schuf er Raum für eine neue Vision: Leutschenbach, das neue Stadtquartier, das Wohnen, Arbeit und Freizeit vereint. Steiner baut auf seinem Stammareal drei Wohnüberbauungen mit insgesamt 434 Wohnungen. Hinzu kommt auf dem benachbarten Hunziker-Areal die 2015 eröffnete Überbauung «mehr als wohnen»: 369 Wohnungen mit einem maximalen architektonischen und ökologischen Innovationsgrad.
Weiter zieht Steiner zwei Bürokomplexe in die Höhe. Ins Business Center Andreaspark zieht die Steiner AG 2010 gleich selbst. Dadurch wird der ehrwürdige, steinerblaue Hauptsitz von 1975 frei; er weicht dem Hochhaus SkyKey, welches die letzte Baulücke im Stammareal schliesst. 

247 Park - der Hauptsitz von Steiner India Ltd. in Mumbai.

Gebaut von Steiner India Ltd.: Das Wohnprojekt Sereno im indischen Pune, vier Gebäude mit 180 Wohnungen.

2010 bezieht die Steiner AG den neuen Hauptsitz: das Bürohochhaus Business Center Andreaspark.