Umdenken lohnt sich,
Opposition auch

Über 14 Jahre hat Brigit Wehrli als Leiterin Stadtentwicklung das Bauen in der Stadt Zürich mitgeprägt. In dieser Zeit verwandelte sich Zürich von einer Büro- zur Trendstadt. Wie kam es zu diesem Wandel, und was hat die Steiner AG damit zu tun?

Frau Wehrli, Mitte der 90er-Jahre steckte Zürich in einer Krise. Heute boomt die Stadt. Welchen Anteil hatte die Stadtverwaltung an dieser Entwicklung?

Die Stadt Zürich hat mit politischen, sozialen und baulichen Massnahmen zu diesem Umschwung beigetragen. Zum Beispiel gelang es in den 90er-Jahren, die offene Drogenszene im Westen der Stadt nachhaltig aufzulösen. Gleichzeitig initiierte der damalige Stadtpräsident Josef Estermann 1996 das «Stadtforum», einen runden Tisch zum Thema Stadtentwicklung in Zürich West, dem historischen Industriequartier Zürichs. Vertreter der Stadtverwaltung, der Wirtschaft, der Quartierbevölkerung und Grundeigentümer setzten sich an einen Tisch – über Monate, insgesamt 75 Stunden lang. So entstand eine Grundstimmung des Vertrauens. Ergebnis: Alle wollten das Gebiet aufwerten. Und schliesslich nahm auch die Wirtschaft wieder Fahrt auf, die Gastronomie wurde liberalisiert, die Entwicklung nahm ihren Lauf.

Also brachte die Krise der 90er-Jahre letztlich Gutes hervor?

Ja, denn in Krisenzeiten werden Kompromisse statt Konfrontationen gesucht. Eine gute Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft, Bevölkerung und Stadt war der Grundstein für den Boom. Die Stadt kann eine solche Entwicklung nur begleiten und akzentuieren. 

Es gab damals nicht nur in Zürich-West Industrieareale, die auf eine Umnutzung warteten, sondern auch im Süden der Stadt. Warum sträubte sich die Stadt Jahrelang gegen einen Bürokomplex der Steiner AG auf dem Areal der Sihlpapierfabrik?

Damals litt Zürich noch unter Stadtflucht. Stadträtin Ursula Koch, die Vorsteherin des Hochbaudepartements, forderte deshalb in ihrer berühmten Rede vor der SIA 1988 eine Trendwende. Sie wollte Zürich wieder zu einer Stadt für die Einwohner machen. Mehr durchmischte Zonen, mehr Begegnungszonen, mehr Urbanität, weniger Monokulturbauten. So umstritten Koch war – in diesem Fall hat sie durch die lange rechtliche Blockade des Utoparks dem besseren Projekt zur Umsetzung verholfen: der Sihlcity. 

Dann ist die Sihlcity ein Verdienst von Ursula Koch?

Ja, auch. Vergleicht man die Forderungen von Frau Koch von 1988 mit dem, was die Sihlcity ist, muss man zugeben: Die Sihlcity entspricht vielen Forderungen von Ursula Koch. Aber natürlich braucht es für eine gute Baulösung immer mehrere Parteien. Entscheidend war auch Mut der Steiner AG. Sie hat einen jahrelangen Rechtsstreit durchgehalten, und als die Baubewilligung vorlag, hatte sie den Mut für den Neuanfang. Heute wissen wir, dass Steiner mit dem Entscheid für ein Einkaufs- und Erlebniszentrum genau auf die richtige Karte gesetzt hat. Die Sihlcity ist ein Symbol fürs heutige Zürich: angebunden an den öffentlichen Verkehr, mit einer Piazza, die Jung und Alt zum Verweilen einlädt. Das Umdenken hat sich gelohnt – die Opposition aber auch.

Bauherren, Architekten, Stadtplaner, Investoren – Bauen schafft Partnerschaften.

Klaus Schwab

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