Verdichtung lässt sich auch in der Tiefe gewinnen

Dominique Perrault gilt weltweit als einer der visionärsten Architekten. Eines seiner Spezialgebiete ist die unterirdische Architektur, die er auch als Professor an der EPFL Lausanne untersucht. Mit der Steiner AG verbinden ihn Bauprojekte in Lausanne, Zürich und Fribourg. 

Herr Perrault, mit welcher Idee haben Sie und die Steiner AG 2010 den Wettbewerb für die Neugestaltung des EPFL-Campus in Lausanne gewonnen?

Die Menschen sollten den Campus zurückerobern! Der alte Campus war ein typisches Kind der 70er-Jahre: Die Bodenebene gehörte dem Verkehr, während sich die Studenten und Professoren ein Stockwerk weiter oben auf künstlichen Brücken und Wegen bewegten. Diese Trennung wollten wir aufbrechen – zugunsten des öffentlichen Raums. Wir haben also Strassen umgeleitet, Grünflächen und Sichtachsen geschaffen, Bäume gepflanzt. Zudem haben wir die zwei Gebäude, die wir mit Steiner komplett umgebaut haben, mit Cafés und Geschäften im Erdgeschoss ausgestattet. Kurz gesagt: Wir haben den Campus urbanisiert.

Was noch fehlt vom Masterplan ist der Neubau, die spektakuläre «Teaching Bridge». Warum?

Architektur ist immer eine Antwort auf die Raumbedürfnisse der Menschen. Diese Bedürfnisse ändern sich natürlich, im Fall von der EPFL sogar sehr schnell. Angesichts der rasanten Digitalisierung der Lehre herrscht derzeit eine begreifliche Unsicherheit, wie die Raumbedürfnisse der Zukunft aussehen werden und ob das Raumprogramm der Teaching Bridge noch aktuell ist. Das wird derzeit evaluiert.

Wenden wir unseren Blick nach Zürich, wo Sie ebenfalls mit der Steiner AG eine Überbauung mit drei 80 Meter hohen Wohntürmen planen. Warum braucht es Hochhäuser in Zürich-Altstetten?

Ob es Hochhäuser braucht oder nicht, hängt immer vom Kontext ab. Für die Women’s University von Seoul beispielsweise habe ich nicht in die Höhe gebaut – was das Erwartbare gewesen wäre –, sondern in die Tiefe, ins Erdreich hinein. So ein Programm wäre in Altstetten absurd. Die Wohntürme entsprechen hier dem Wunsch nach Verdichtung rund um einen verkehrstechnisch hervorragend erschlossenen Ort. Die Hochhäuser stehen auch für ein neues Selbstbewusstsein des einstigen Arbeiterquartiers Altstetten, das formal näher ans Stadtzentrum heranrückt.

Sie haben ihren Bau für die Women’s University von Seoul erwähnt. Welche Vorteile hat die unterirdische Architektur gegenüber dem Bauen in die Höhe?

Einfach gesagt: Verdichtung lässt sich nicht nur durch Höhe, sondern auch in der Tiefe gewinnen. Wird in die Tiefe gebaut, verschwindet die Architektur und eröffnet Platz für Grünflächen und den öffentlichen Raum. Durch Täler oder Schneisen kann sich die Architektur aber auch wieder in Szene setzen, wie im Falle der Women’s University von Seoul, die wir 2008 fertiggestellt haben. Dadurch gelangt Tageslicht in die unterirdischen Räume. Energetisch ist das unterirdische Bauen ohnehin von Vorteil: Erde kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Dadurch spart die Women’s University heute 60 Prozent der Energiekosten ein.

Bauherren, Architekten, Stadtplaner, Investoren – Bauen schafft Partnerschaften.

Klaus Schwab

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